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Presse

 

Dortmunder Rundschau vom 25.11.2006

Weglaufen vor dem Tod gilt nicht

Von Ellen Sarrazin 

Harald H. liegt im Sterben. Wie lange es bis zum Tod noch dauert, weiß niemand. Seiner Ehefrau, die ihn daheim pflegt, schwinden manchmal die Kräfte. Doch Gisela H. hat einen Weg gefunden, „aufzutanken.” Etwas Freiraum für sich selbst bleibt wenigstens in den Stunden, wenn die Sterbebegleiterin ins Haus kommt.

Eine zierliche Frau drückt den Klingelknopf. Gisela H. begrüßt den Gast herzlich. Die Frauen wechseln ein paar Worte, bevor Petra Strößner sich ans Sterbebett von Harald H. setzt. Wenig später verlässt Gisela H. das Haus mit der Gewissheit, dass ihr Mann eineinhalb Stunden versorgt ist.

Sie weiß nicht im Detail, wie die gemeinsame Zeit ihres Mannes mit Petra Strößner verläuft. Mal reden sie, mal liest die Sterbebegleiterin vor, ein anderes Mal massiert sie ihm die Füße oder legt nur ihre Hände auf seine – beim gemeinsamen Schweigen. „Ich lese auch mal Gedichte vor, eigene,” sagt Strößner. Aber oft laufe die Betreuung nonverbal ab: „Sterbende haben oft einfach nur das Bedürfnis nach Nähe.” Manche sprächen auch nur über die Vorstellung vom Tod, andere brauchten nur „ein bisschen Kuschelkommunikation”.

 

Nachhilfestunden für Trauernde

Petra Strößner, die ihre einst ehrenamtliche Tätigkeit in Hospizen, darunter auch in einem Kinderhospiz, nun zu ihrem Beruf machte, benutzt ganz selbstverständlich Ausdrücke wie „schöner sterben” oder „Weglaufen gilt nicht”. Sie betreut nicht nur Sterbende, sondern hilft auch Angehörigen, mit ihrer Trauer umzugehen. Zu Lebzeiten des Todkranken und darüber hinaus. In Vier-Augen-Gesprächen wie in Trauergruppen.

„Leiden Leichter” heißt ihr Ein-Personen-Unternehmen. Seit sechs Jahren widmet sie sich der Sterbebegleitung – in Hospizen wie privat. „Mit dem Tod konfrontiert wurde ich immer wieder – seit meinem siebten Lebensjahr”, sagt die 48-jährige, die den Tod und das Sterben nie als Tabuthema ansah. Die Frage, wie sie mit so viel Leid umgehen kann, beantwortet sie lächelnd: „Man bekommt so viel von den Sterbenden zurück. Viele haben sich noch nie in ihrem Leben so wohl gefühlt.” Manche könnten erst kurz vor dem Ende ihr inneres Ich zeigen, ihre Gefühle: „Vielleicht auch deshalb, weil ich eine unabhängige Person bin. Ein Mensch auf gleicher Ebene, eben auch kein Pfarrer…” Denn Kirchenvertreter seien für viele abgehoben: „Gerade wenn man Lebenslügen eingesteht…“

 

Schon so manche Lebensbeichte gehört

Petra Strößner erzählt von einem Kunden, den sie auf dem letzten Weg begleitete: „Bei einem Gespräch platzte es förmlich heraus, dass er, der 39 Jahre verheiratet war, über 30 Jahre eine Geliebte hatte.” Nach der Lebensbeichte sei seine Seele befreit gewesen. „Sonst wäre der Tod für ihn zum Kampf geworden, so sehr hatte ihn das belastet.“ Die Ehefrau habe nie ein Sterbenswörtchen erfahren: „Das Versprechen habe ich ihm gegeben.”

Viele ihrer Kunden sind Hinterbliebene. „Die meisten müssten erst einmal lernen, ihre Situation anzunehmen.” Oft dauere die Trauerbegleitung ein halbes bis ein Jahr.

Ihre eigene Kraft, verrät Petra Strößner, hole sie aus ihrem Glauben. „Aber ich arbeite religiös unabhängig.” Nicht nur alte Menschen sterben. So erinnert sich Frau Strößner an einen Aids-Kranken (30), an eine MS-Patientin (23), Krebspatienten jeden Alters – „und zweimal behinderte Kinder.” 

Doch sie stelle (sich) nicht die Frage nach dem Warum, nehme stets die Situation an. „Für mich persönlich ist der liebe Gott immer mit im Boot.” Sie finde Erfüllung darin, den letzten Weg zu erleichtern. „Sei es gegen das Alleinsein oder einen Wunsch zu erfüllen.” Wie jüngst, als jemand nochmals eine Erdbeere schmecken wollte.

 

 

Ruhr-Nachrichten vom 22.11.2006

Aus Liebe zum Leben - Petra Strößner ist von Beruf Sterbebegleiterin

von Christoph Walter

Wenn sich Petra Strößner auf den Weg zu einem Kunden macht, weiß sie: Dieser Hausbesuch könnte der letzte sein. Aus Liebe zum Leben umgibt sich die 48-Jährige tagtäglich mit dem nahenden Tod.

„Bei der Geburt ist kein Mensch allein – warum sollte es am Ende der Lebenszeit anders sein müssen?”, rechtfertigt Petra Strößner ihre berufliche Mission: Vor knapp einem Jahr hat sich die einst ehrenamtlich tätige Mitarbeiterin als Sterbe- und Trauerbegleiterin selbstständig gemacht. Ihre Firma heißt „Leiden leichter”.

Schicksale wie das einer Nachbarin führte die gelernte Kauffrau auf neue Pfade: „Die Dame ist jetzt 100 Jahre alt und schon lange bettlägerig”, erzählt Strößner. „Morgens, mittags und abends versorgt sie ein Pfleger mit dem Nötigsten. Den Rest des Tages ist die Frau allein.”

Eine quälende Vorstellung, aus der Frau Strößner die Kraft für ihre schwierige Aufgabe schöpft. „Ich kann nicht einfach zusehen, wie Menschen leiden.” 

Dabei leistet die gebürtige Kölnerin weit mehr, als Todkranken auf der letzten Etappe ihres Lebens die Hand zu halten und durch liebevolle Gesten Wärme und Geborgenheit zu vermitteln. Petra Strößner hat ein offenes Ohr für die Sterbenden. Wenn die Kunden aus ihrem Leben erzählen oder innere Konflikte zur Sprache bringen, hört die zierliche Frau mit dem herzlichen Lächeln einfach nur zu – oder bringt die Erzählungen auf Wunsch zu Papier. „Wer zu Lebzeiten sein Leben aufbereitet hat, stirbt leichter”, sagt sie ganz selbstverständlich. 

Genauso wichtig wie die Betreuung und kreative Beschäftigung der Sterbenden sei es, „die Trauernden so zu stabilisieren, dass ich mich guten Gewissens zurückziehen kann.” Strößner begleitet Angehörige im Schnitt ein halbes Jahr. „Entscheidend ist, sich der Trauer sofort zu stellen – sonst sind Depressionen vorprogrammiert.”