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Westfälische
Rundschau 11.2006
Weglaufen
vor dem Tod gilt nicht
Von Ellen Sarrazin
Harald
H. liegt im Sterben. Wie lange es bis zum Tod noch dauert,
weiß niemand. Seiner Ehefrau, die ihn daheim pflegt,
schwinden manchmal die Kräfte. Doch Gisela H. hat einen Weg
gefunden, „aufzutanken.” Etwas Freiraum
für sich selbst bleibt wenigstens in den Stunden, wenn die
Sterbebegleiterin ins Haus kommt.
Eine
zierliche Frau drückt den Klingelknopf. Gisela H.
begrüßt den Gast herzlich. Die Frauen wechseln ein
paar Worte, bevor Petra Strößner sich ans Sterbebett
von Harald H. setzt. Wenig später verlässt Gisela H.
das Haus mit der Gewissheit, dass ihr Mann eineinhalb Stunden versorgt
ist.
Sie
weiß nicht im Detail, wie die gemeinsame Zeit ihres Mannes
mit Petra Strößner verläuft. Mal reden sie,
mal liest die Sterbebegleiterin vor, ein anderes Mal massiert sie ihm
die Füße oder legt nur ihre Hände auf seine
– beim gemeinsamen Schweigen. „Ich lese auch mal
Gedichte vor, eigene,” sagt Strößner. Aber
oft laufe die Betreuung nonverbal ab: „Sterbende haben oft
einfach nur das Bedürfnis nach Nähe.”
Manche sprächen auch nur über die Vorstellung vom
Tod, andere brauchten nur „ein bisschen
Kuschelkommunikation”.
Nachhilfestunden
für Trauernde
Petra
Strößner, die ihre einst ehrenamtliche
Tätigkeit in Hospizen, darunter auch in einem Kinderhospiz,
nun zu ihrem Beruf machte, benutzt ganz selbstverständlich
Ausdrücke wie „schöner sterben”
oder „Weglaufen gilt nicht”. Sie betreut nicht nur
Sterbende, sondern hilft auch Angehörigen, mit ihrer Trauer
umzugehen. Zu Lebzeiten des Todkranken und darüber hinaus. In
Vier-Augen-Gesprächen wie in Trauergruppen.
„Leiden
Leichter” heißt ihr Ein-Personen-Unternehmen. Seit
sechs Jahren widmet sie sich der Sterbebegleitung – in
Hospizen wie privat. „Mit dem Tod konfrontiert wurde ich
immer wieder – seit meinem siebten Lebensjahr”,
sagt die 48-jährige, die den Tod und das Sterben nie als
Tabuthema ansah. Die Frage, wie sie mit so viel Leid umgehen kann,
beantwortet sie lächelnd: „Man bekommt so viel von
den Sterbenden zurück. Viele haben sich noch nie in ihrem
Leben so wohl gefühlt.” Manche könnten erst
kurz vor dem Ende ihr inneres Ich zeigen, ihre Gefühle:
„Vielleicht auch deshalb, weil ich eine unabhängige
Person bin. Ein Mensch auf gleicher Ebene, eben auch kein
Pfarrer…” Denn Kirchenvertreter seien für
viele abgehoben: „Gerade wenn man Lebenslügen
eingesteht…“
Schon so manche
Lebensbeichte gehört
Petra Strößner
erzählt von einem Kunden, den sie auf dem letzten Weg
begleitete: „Bei einem Gespräch platzte es
förmlich heraus, dass er, der 39 Jahre verheiratet war,
über 30 Jahre eine Geliebte hatte.” Nach der
Lebensbeichte sei seine Seele befreit gewesen. „Sonst
wäre der Tod für ihn zum Kampf geworden, so sehr
hatte ihn das belastet.“ Die Ehefrau habe nie ein
Sterbenswörtchen erfahren: „Das Versprechen habe ich
ihm gegeben.”
Viele
ihrer Kunden sind Hinterbliebene. „Die meisten
müssten erst einmal lernen, ihre Situation
anzunehmen.” Oft dauere die Trauerbegleitung ein halbes bis
ein Jahr.
Ihre
eigene Kraft, verrät Petra Strößner, hole
sie aus ihrem Glauben. „Aber ich arbeite religiös
unabhängig.” Nicht nur alte Menschen sterben. So
erinnert sich Frau Strößner an einen Aids-Kranken
(30), an eine MS-Patientin (23), Krebspatienten jeden Alters
– „und zweimal behinderte Kinder.”
Doch
sie stelle (sich) nicht die Frage nach dem Warum, nehme stets die
Situation an. „Für mich persönlich ist der
liebe Gott immer mit im Boot.” Sie finde Erfüllung
darin, den letzten Weg zu erleichtern. „Sei es gegen das
Alleinsein oder einen Wunsch zu erfüllen.” Wie
jüngst, als jemand nochmals eine Erdbeere schmecken wollte. |